Zum Inhalt springen
November 5, 2010 / rauchverbotbayern

Die Herzinfarkt-Tagebücher von Stern-TV

Eigentlich hatte ich ja immer die Absicht, dieses Blog auf die Entwicklung in Bayern zu beschränken. Der vorgestrige Stern-TV-Bericht, in dem behauptet wurde, das 2008 eingeführte Rauchverbot habe angeblich massenhaft Leben retten können, verdient allerdings wegen der Dummdreistigkeit der enthaltenen Behauptungen eine Ausnahme.

Kurze Inhaltsangabe: Zwei Herzinfarkt-Fallbeschreibungen, darunter ein sagenhaft repräsentativer Fall eines 28-Jährigen, der – angeblich wegen des Rauchens – einen Herzinfarkt erlitt. (Im Alter von unter 30 einen Herzinfarkt erleiden 2 von 100.000 Männern, also besteht dafür eine Wahrscheinlichkeit von 0,002 Prozent, obwohl fast 50 Prozent der Männer in dieser Altersgruppe Raucher sind).  Der Kern der Reportage war aber die Behauptung, die Zahl der Herzinfarkte sei in Deutschland seit der Einführung von Rauchverboten, deutlich zurückgegangen. Belegt werden sollte dies anhand einer Stichprobe an insgesamt drei Kliniken: der Unikliniken Marburg (Hessen) und Münster (Nordrhein-Westfalen) sowie dem Herzzentrum in Bad Oeynhausen (Nordrhein-Westfalen). In allen drei Kliniken, so versicherten dortige Ärzte vor laufender Kamera, seien die Einlieferungen mit der Diagnose Herzinfarkt “dramatisch” zurückgegangen: In Marburg von 2007 auf 2008 von 338 auf 298, in Münster von 2007 auf 2009 von 540 auf 360, und in Bad Oeynhausen “gefühlt um 15 Prozent”.

Was dabei verschwiegen wird: Weder in Nordrhein-Westfalen noch in Hessen ist ein vollständiges Rauchverbot in der Gastronomie in Kraft. Mehr noch, gerade in Nordrhein-Westfalen, wo zwei Kliniken zum Zeugen der Segnungen des Rauchverbots gemacht werden sollten, ist das Rauchverbot für deutsche Verhältnisse besonders liberal ausgefallen. So liberal, daß das der dortigen rot-grünen Minderheitsregierung überhaupt nicht in den Kram paßt, während Antiraucher immer wieder behaupten, es sei de facto sogar kaum existent, und als Nichtraucher bleibe einem gar nichts anderes übrig, als sich permanent verrauchten Lokalen auszusetzen.

Ausgerechnet dieses “kaum existente” Rauchverbot soll also  so besonders dramatische Verbesserungen der gesundheitlichen Situation herbeigeführt haben? Sehr verwunderlich. Fast so verwunderlich wie die Kühnheit, aus einer “Stichprobe”, bestehend aus ganzen drei Kliniken in sogar nur zwei Bundesländern, eine bundesweite Entwicklung herausgelesen haben zu wollen.

Im Stern-Artikel zur Sendung hat man solche Einwände wohl entweder vorhergesehen oder sogar nach Ausstrahlung der Sendung bereits gehört. Eiligst wurde dort nämlich behauptet, bundesweite Zahlen zur Entwicklung der Herzinfarktrate gäbe es gar nicht. Das freilich ist eine glatte Lüge: Die Krankenhausstatistik – Diagnosedaten der Patienten und Patientinnen in Krankenhäusern – liefert jährlich Angaben über die erbrachten Leistungen der Krankenhäuser, und dies selbstverständlich auch zur Diagnose “Herzinfarkt”. Auf http://www.gbe-bund.de finden Sie diese Daten unter “Diagnosedaten der Krankenhäuser ab 2000 (Eckdaten der vollstationären Patienten und Patientinnen). Gliederungsmerkmale: Jahre, Region, ICD10″.

Der Stern hat Ihnen diese Zahlen kaum aus Versehen vorenthalten. Zu den dort verbreiteten Wundermärchen passen sie nämlich ganz und gar nicht.

Diagnose Herzinfarkt in absoluten Zahlen:

2006: 209.505

2007:  214.671

2008: 211.523

Neuere Zahlen liegen im Moment noch nicht vor. Eigentlich schade. Vielleicht werde ich ja langsam doch paranoid – aber ich frage mich ernsthaft, ob das womöglich kein Zufall ist. Denn die Zahlen für 2008 lagen bereits im Februar 2009 vor, das fand ich auf der Seite des Statistischen Bundesamts heraus. Eigentlich hätten die Zahlen für 2009 also ebenfalls schon längst vorliegen können.  Komischer Zufall, daß sie sich so verspätet haben. Edit: Ich korrigiere mich – die Zahlen lagen nicht im Februar, sondern erst im Dezember vor. Also in diesem Punkt kein Grund für Spekulationen, sondern einer für gespanntes Warten auf die hoffentlich diesen Dezember dann ebenfalls verfügbaren Zahlen für 2009.

Das Jahr 2008 wurde in dem Fernsehbericht als erstes Rauchverbotsjahr bezeichnet. Das trifft nicht ganz zu, denn in den einzelnen Bundesländern traten die Rauchverbote in einem Zeitraum zwischen August 2007 (Baden-Württemberg und Hessen) und Februar 2008 in Kraft, zum Teil mit Übergangsfristen bis zum Sommer. Eine gewisse Berechtigung hat es aber durchaus, gerade dieses Jahr als erstes Rauchverbotsjahr mit anderen Nicht-Rauchverbotsjahren zu vergleichen. Denn bis spätestens zum 1.1.2008 traten in den meisten Bundesländern Rauchverbote in der Gastronomie in Kraft. Zusätzlich war schon ab Herbst 2007 eine Reihe bundesweiter Rauchverbote in Kraft getreten, unter anderem in Bahnen, Bussen und Taxis. Die Bundesländer, in denen sich die Sache noch um den einen oder anderen Monat hin oder her verzögerte, repräsentieren den kleineren Teil.

Verfälschend wäre es jedoch, die Zahlen von 2008 mit denen von 2007 zu vergleichen. Das letzte vollständige Jahr, in dem in keinem Bundesland ein Rauchverbot in der Gastronomie bestand, war das Jahr 2006.

Was sagen uns also vor diesem Hintergrund die Zahlen aus der Diagnosestatistik? Folgendes: Im ersten echten Rauchverbotsjahr, nämlich 2008, lag die Zahl der Herzinfarktpatienten in deutschen Krankenhäusern um mehr als 2000 Fälle höher als im letzten vollständigen Jahr ohne Rauchverbote, nämlich 2006.

Es fragt sich also schon, wie es eigentlich kommt, daß ausgerechnet in den drei vorgestellten “Stichproben”-Kliniken eine abweichende Entwicklung verzeichnet wurde oder dies zumindest behauptet wird. Die Tatsache, daß die Uniklinik Münster zu den dreien gehört, die einen wundersamen Rückgang der Herzinfarktzahlen beobachtet haben wollen, läßt allerdings gewisse Spekulationen zu. Der Leiter des dortigen Instituts für Epidemiologie und Sozialmedizin zeichnete nämlich verantwortlich für die Zahlenakrobatik, bei der am Ende 3301 Passivrauchtote pro Jahr herausgekommen sind. Seine Berechnungen waren allerdings von solch fragwürdiger Qualität, daß es vielleicht nahe zu liegen schien, einen handfesteren Beweis nachliefern zu wollen.

Im Stern-TV-Bericht wurde auch auf zahlreiche internationale “Beweise” Bezug genommen, daß weltweit nach der Einführung von Rauchverboten ein ähnlich dramatischer Rückgang bei den Herzinfarkten beobeachtet worden sei. Von denen hielt allerdings bislang kein einziger einer kritischen Inaugenscheinnahme stand. Schottlands sogenanntes “Herzinfarktwunder” wurde von der Times schon nach kurzer Zeit zu einer der dreistesten Wissenschaftsfälschungen des Jahres 2008 gekürt. Das Herzinfarktwunder von Italien wiederum fand erstaunlicherweise nur in einer einzigen Region Italiens statt, nämlich Piemont, und beschränkte sich auf unter 65jährige. Obwohl doch das Rauchverbot in ganz Italien zum selben Zeitpunkt eingeführt wurde! Daneben waren in den Jahren vor Einführung des dortigen Rauchverbots die Rückgänge bei den Herzinfarkten zum Teil sogar noch höher gewesen – was tunlichst verschwiegen wurde.

In anderen Ländern hingegen konnten nach Einführung von Rauchverboten von vornherein keine Wunder festgestellt werden: Dänemark etwa. Neuseeland. Und als die gesundheitlichen Auswirkungen von Rauchverboten auf die gesamte USA – nicht nur eine einzelne Kleinstadt hier oder eine einzelne Region da – unter die Lupe genommen wurden, fand man auch dort – nichts. Kein Wunder. Nirgends. In England fielen die Daten zu den Herzinfarkten ebenfalls so wenig überzeugend aus, daß man nur einen halbherzigen Versuch machte, dies als seines der Herzinfarktwunder verkaufen zu wollen, was selbst sonst eher unkritische britische Medien etwas reserviert aufnahmen. Diese Meldungen verstummten prompt auch rasch wieder, und auch Stern-TV erwähnte dieses Land dann vorsichtshalber doch nicht.

Es gibt etwas, das die Meldungen über Herzinfarktwunder fast alle gemeinsam haben: Sie umfassen entweder nur eine “Stichprobe” oder eine einzelne Region und/oder “krumme” Zeiträume und/oder es wurde auf den Vergleich mit einer Kontrollgruppe verzichtet.

Es gibt außerdem etwas, das die Länder gemeinsam haben, in denen ein Wunder leider ausblieb: Ein wissenschaftlich korrektes  Vorgehen, etwa  die Daten ganzer Länder, unterteilt in Einjahreszeiträume.

Was aber außerdem auch noch bemerkenswert ist: Die deutschen Medien betätigen sich dennoch hartnäckig weiterhin als Nachfolger der Gebrüder Grimm und verbreiten die Wundergeschichten unverdrossen immer weiter. Einerseits war da natürlich zu erwarten, daß sie  irgendwann auch ein deutsches Wundermärchen zusammenfabulieren würden. Andererseits erstaunt dabei schon das kindliche Vertrauen, mit dem davon ausgegangen wird, daß das existierende Datenmaterial über die Herzinfarktdiagnosen in Deutschland nur vom Märchenerzähler selbst ignoriert werden müsse, und schon werde auch jeder andere es ignorieren. Ganz so einfach haben es sich ihre Vorbilder in anderen Ländern dann doch wieder nicht gemacht.

Es fragt sich also, womit wir es bei den kulleräugig ihr Wunder bestaunenden Stern-TV und der Uniklinik Münster eigentlich zu tun haben: War das bloße Schlamperei und Dummheit, also schlechte Wissenschaft und schlechter Journalismus? Oder haben wir es hier doch mit der bewußten Verbreitung von Falschmeldungen zu tun?

Manchmal findet man die Antwort, wenn man die Frage verändert. Fragen wir also mal andersherum: Was könnte bei diesem Thema wohl mit einer Falschmeldung bezweckt werden, die eindeutig suggeriert, noch mehr Rauchverbote würden uns alle noch viel gesünder machen?  Raten Sie doch einfach mal …

  1. Reinhold / Nov 6 2010 1:14 am

    Ganz köstlich die Anspielung auf die “Tagebücher” im Titel. :-) ))

  2. simmerl / Nov 6 2010 3:04 pm

    Ich habe diese Stern-TV-Sendung gesehen. Mir war sofort klar “de liang, das se de Boikn biang”. Das selbe machte schon Friedrich Wiebel mit der Behauptung “Kinder würden rauchfreie Festzelte wählen”. Ausserdem haben dieser Prof. F. Wiebel und sein “Spezl” Ernst Günther Krause (beide NIM) die Lüge verbreitet, daß sie in ganz Müchen fast keine rauchfreie Kneipe finden, wo sie ein frischgezapftes Bier bekommen.

    Die vermehrte Verarschung der Bevölkerung im TV hat vermutlich damit zu tun, daß die ÖDP in Hamburg und in Berlin Unterschriften für ein Volksbegehren braucht. Das solche “hinterfotzigen” Unwahrheiten dann auch noch von den Leuten geglaubt werden, hat bereits der Volksentscheid in Bayern bewiesen.

  3. simmerl / Nov 6 2010 6:20 pm

    Nachtrag: Die Sendung war Märchenstunde vom Feinsten. Als Zuschauer fragte ich mich natürlich von welchen “Gloisschermviertel” die Fernsehleute die 2 reuigen und geläuterten Ex-Raucher “hergholt hoam”? Wenn die ganze Sache nicht so ernst wäre, könnte man die ganze Sendung als Humor pur betrachten.

  4. kikri / Nov 11 2010 8:44 am

    Wenn ich richtig gelesen habe, hatte ein Raucher einen Herzinfarkt.
    Der Vorwand für Rauchverbote war doch mal der Passivraucherschutz.

    Von Jahr zu Jahr rauchen weniger Leute und die Herzinfarkte steigen an.
    Das Anti-Raucher und ander Menschheitsbeglücker Korrelation und Kausalität gleichsetzen ist bekannt.
    In dieser Logik wäre Rauchen herzinfarktmindernd.
    In meiner Logik: wahrscheinlich haben Rauchen und Herzinfarkte nichts miteinander zu tun, und wenn->siehe oberer Satz.

    Es ist halt schon schwer, wenn sich Ideologie und Wirklichkeit widersprechen.
    Wirklichkeit ignorieren und Ideologie ausbauen scheint das Prinzip der Anti-Rauchern zu sein.

Trackbacks

  1. Rauchverbot seit 1. August: Die praktische Umsetzung eines Gesetzes - Seite 396 - Augsburger Allgemeine Community
  2. Herzinfarkt-Märchen bei SternTV - Rauchernews
  3. Die Welt wird rauchverbotsmüde « Rauchverbot-Bayern-Blog
  4. Kein Herzinfarktwunder in Bayern – und auch nicht anderswo! « Rauchverbot-Bayern-Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.