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August 29, 2011 / rauchverbotbayern

Gastgewerbe-Statistik für Fortgeschrittene

Bayerns Kneipenbesitzer verstehen oft die Welt nicht mehr, wenn ahnungslose oder interessengeleitete Außenstehende sich dazu berufen fühlen, ihnen zu erklären, wie es ihnen gerade geht. Das gilt umso mehr, wenn als Beweis dafür eine Statistik herangezogen wird, wie in diesem Fall hier:

Der Verband Pro Rauchfrei [...] verweist [...]  auf unbestechliche Daten der Landesämter von Bayern und NRW. Demnach stieg auch in den Wintermonaten von Januar bis April 2011 der Umsatz in der Getränkegastronomie, also in Kneipen und Bistros von BAYERN, um 0,4 % während er im Raucherland NORDRHEIN-WESTFALEN um 2,3 % fiel. Auch in der Speisegastronomie hat BAYERN ein um 3% höheres Wachstum erzielt (NRW nur 2,2%). Und bei den Beschäftigtenzahlen büßte NRW gar 6,3 % ein (Bayern nur 1,6 %).

Einmal abgesehen von dem galoppierenden Hirnriss, der dahintersteckt, wenn man ein wirtschaftlich florierendes Bundesland wie Bayern, das vom wirtschaftlichen Aufschwung so stark profitiert hat, daß es schon ein Wunder gewesen wäre, wenn ausgerechnet die Gastronomie, die ja schon vor dem August 2010 zu mehr als zwei Dritteln aus Nichtraucherlokalen bestanden hatte, Miese gemacht hätte, mit dem wirtschaftlich weit schlechte dastehenden NRW vergleicht:

Statistische Daten sind keineswegs unbestechlich. Im Gegenteil: Nach einer bekannten Redensart muß man Daten nur lange genug foltern, damit sie alles gestehen, was man von ihnen hören will.  Das leuchtet jedem ein, der schon einmal die Erfahrung gemacht hat, dass Durchschnittswerte oft ein ganz anderes Bild ergeben, als sie die jeweiligen Einzelwerte nebeneinander betrachtet bieten würden. Franz Steinkühler wird mit dem Satz zitiert:   „Ich denke bei “Statistik” an den Jäger, der an einem Hasen beim erstenmal knapp links vorbei schoß und beim zweitenmal knapp rechts vorbei. Im statistischen Durchschnitt ergäbe dies einen toten Hasen.“

In Pro Rauchfreis statistischem Wert ergeben sich hingegen keine toten, sondern vielmehr quicklebendige Kneipen als Folge des Rauchverbots in Bayern. Dumm nur, daß in dieser Statistik aber gar nicht alle Kneipen enthalten sind. Das erfährt allerdings nur, wer auch die methodischen Vorbemerkungen zu den Berichten liest.

Berichtskreis
In die Erhebung einbezogen sind rechtlich selbständige Unternehmen, die als repräsentative Stichprobe
aus dem Unternehmensregister nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden und einen Jahresumsatz
von 50.000 € und mehr erzielen. 

Die kleinsten Unternehmen sollen nämlich nicht über Gebühr mit statistischen Berichtspflichten beladen werden – was lobenswert ist, aber natürlich gerade die umsatzschwächsten unter den kleinen Eckkneipen, die bekanntlich unter dem Rauchverbot besonders zu leiden haben, aus der Statistik herausfallen läßt.

Aber wie ist dieser Wert von 50.000 Euro als Untergrenze der statistischen Erfassung überhaupt einzuschätzen? Sind das viele, wenige oder doch nur ein paar vereinzelte Lokale, deren Fehlen die Statistik verzerrt? Anlass genug, mich an die Kneipenwirtin meines Vertrauens zu wenden – sie führt eine klassische Bierkneipe mit entsprechender Zielgruppe, wie es (nach wie vor, aber wie lange noch?) viele gibt -, um sie zu fragen, was man eigentlich mit einer solchen Kneipe für Umsätze erwarten kann. Ich bitte um Verständnis dafür, daß ich weder Namen noch Adresse noch exakte Zahlen hier wiedergeben werde, die mir im Vertrauen mitgeteilt wurden. Aber sie schätzt – und ich glaube, nicht ganz zu Unrecht -, daß ihre Umsätze für vergleichbare Kneipen in etwa durchschnittlich sind.

Wenn Sie es noch genauer wissen wollen, fragen Sie am besten den Wirt Ihrer eigenen Stammkneipe – falls Sie ein Lokal der betreffenden Art  überhaupt frequentieren, also inhabergeführt, bis 75 qm, kein oder fast kein Speisenangebot -, was er eigentlich so umsetzt und wie die Entwicklung eigentlich bei ihm seit dem Rauchverbot verlaufen ist.

Die Angaben meiner Informantin, der an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich für ihre Einblicke gedankt sei: Ihr Umsatz lag 2009 über dem Betrag von 50.000 Euro – knapp unter zwanzig Prozent mehr. Aber schon die Umsätze des Jahres 2010 fielen deutlich niedriger als im Jahr zuvor – obwohl nach dem ersten Halbjahr 2010 noch ein sattes Plus von etwa 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen gewesen war, war daraus bis zum Jahresende, also von Januar bis Dezember 2010, ein Minus von knapp zehn Prozent gegenüber dem Jahr 2009 geworden. Damit lag sie aber immer noch über diesen 50.000 Euro. Vergleicht man nun aber das erste Halbjahr 2011 mit dem ersten Halbjahr 2010, dann ergibt sich daraus ein weiteres Mal eine Umsatzeinbuße von 20 Prozent – und plötzlich wird es damit fraglich, ob der Umsatz nicht für das Gesamtjahr doch unter die 50.000-Euro-Grenze fallen wird.  In diesem Fall wäre sie nicht mehr berichtspflichtig und fiele aus der Statistik ganz heraus, und ihre Umsatzeinbußen in Höhe von 20 Prozent natürlich auch. Je mehr Lokale das betrifft, desto stärker wird also die Entwicklung der Gastronomie ins vermeintlich Positive verzerrt – obwohl dies die Realität nicht widerspiegelt. Die Kneipen, die schon 2010 wegen besonders starker Umsatzeinbußen unter die 50.000-Euro-Umsatzgrenze gerutscht sind, waren bereits im Jahr 2011 in der Statistik gar nicht mehr enthalten. Die Rückgänge, die sie im Vergleich zum Vorjahr hatten, werden damit im laufenden Jahr gar nicht mehr miterfaßt – und die Statistik auf diese Weise natürlich ins Positive verzerrt.

Für den September 2011 braucht man übrigens kein Prophet zu sein, um für Bayern wenigstens auf dem Papier der statistischen Berichte einen deutlichen Aufschwung der Gastronomie vorherzusagen. Wie’s kommt? Ab diesem Berichtsmonat sind nur noch Betriebe mit einem Umsatz von mehr als 150.000 Euro enthalten – die Entbürokratisierungsinitiative für Kleinunternehmen macht’s möglich. Da können dann noch so viele Kneipen in Bayern den Löffel abgeben – statistisch schlägt sich das zwangsläufig in einem Herausfallen großer Teile der vom Rauchverbot besonders negativ betroffenen Kleingastronomie nieder.

Auf den geheuchelten Jubel von Pro Rauchfrei – denn in Wirklichkeit geht denen die Gastronomie so oder so an einem gewissen Körperteil vorbei – darf also gewartet werden.

 

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